Immer wenn mir die Frage gestellt wird, wie und warum ich eigentlich Fotograf geworden bin, bringt mich dies zurück zur Geschichte des Mannes, der mich dorthin gebracht hat. Und auch wenn es schwierig ist, all die Jahre in einen angemessenen Text zu verpacken, versuche ich mein Bestes.

Das allererste Mal mit seiner Musik bin ich Mitte der Neunziger in Verbindung gekommen, als ein guter Freund vom „Rödelheim Hartreim Projekt“ erzählte – auf die Frage, was er denn so für Musik hört. Einordnen konnte ich das Ganze damals noch nicht. Später hörte ich dann Sabrina Setlurs „Ja klar“ im Radio und wusste, dass sie irgendwas mit diesen Rödelheimern zu tun hat. Ich erinnere mich noch ganz genau, als ich es im Reisebus hörte, als ich mit der Frankfurter Gallusgemeinde von einer Jugendfreizeit zurückkam. Wir fuhren zu diesem Zeitpunkt gerade am Autobahnschild „Frankfurt-Rödelheim“ vorbei, womit sich ein sehr patriotisches Gefühl einstellte.

Ende der Neunziger gab es dann eine Platte dieses Projekts, was sie 3p nannten. Eine Coverversion von „Licence to Kill“ von Gladys Night. Mit dabei: Sabrina Setlur, Illmatic, Thomas Hofmann (als zweiter Mann vom Rödelheim Hartreim Projekt) und der Mann um den es hier geht – Moses Pelham. Ich erinnere mich noch gut, wie ich mir am Computer unzählige Male das Musikvideo (als Extra-CD-Part) dazu angeschaut habe, stets in dem Glauben, dass es irgendwo auf den Feldern um Frankfurt gedreht wurde und dass die Jungs tatsächlich mit dem alten Amischlitten durch die Gegend cruisen. Wie das halt so ist, wenn man 16 Jahre alt ist und noch keine Ahnung hat. Aber die Felder um Wien, wo das Video tatsächlich gedreht wurde, sehen ja nicht so viel anders aus als das Vorland des Taunus.

Von dem Tag an, an dem ich „3p – Licence 2 Kill“ bei Karstadt in Rüsselsheim gekauft habe, war ich Fan. Oder wie man es in 3p-Kreisen nennt „Supporter“. Nicht nur von einem Künstler, sondern von allem was bei 3p erschien. Fans von 3p – was für „Pelham Power Productions“ steht und von Moses schon in jungen Jahren auf seine ersten Mixtapes – die „Pelham Power Tapes“ geschrieben wurde – sind stets Fans des Labels und nahezu aller Produktionen.

Denn am Ende ist es egal ob Glashaus, Cassandra Steen, Sabrina Setlur, Illmatic, Bruda Sven, Azad oder Xavier Naidoo auf dem Cover stand – der Sound entsprang am Ende sowieso immer dem gleichen Produzententeam um Moses Pelham und Martin Haas. Und wer sich über Jahre hinweg mit der Musik beschäftigt weiß, dass hinter den meisten Texten einer Sabrina Setlur oder eines Xavier Naidoo damals ebenfalls Moses Pelham stand.

Vor lauter Faneuphorie bin ich 1998 in den 3p Supporter Club e.V. eingetreten. Stolz wie Oskar war ich, als meine Mitgliedskarte endlich eintraf und damit das Begrüßungspaket mit dem ersten Supporter Magazin und allerhand Devotionalien und einem Gruß „direkt aus Rödelheim“, was auch ich heute noch in adaptierter Weise mit „direkt aus Trebur“ für meine E-Mails geklaut habe. Es folgten Rollertouren nach Frankfurt-Rödelheim, wo wir vor der „3p Villa“ in der Rödelheimer Fuchstanzstraße 35 warteten, bis uns tatsächlich ein Mitarbeiter begegnete. Wir waren echte Groupies.

Später folgte eine Fan-Website, auf der ich über die Jahre von den neuesten Entwicklungen bei 3p berichtete und irgendwann kam der Tag, an dem Moses seinen 29. Geburtstag öffentlich feierte.  Das war am 24.02.2000. Verbunden wurde das Ganze mit dem Release von einem alten Album „The Bastard Looking 4 the Light“ mit einem der ersten Titel, den er mit Xavier Naidoo aufgenommen hatte. Ich wollte damals auf meiner Website darüber berichten – für die Supporter, die keine Zeit hatten, dort aufzutauchen, um sich mit Moses persönlich zu unterhalten. Also bequatschte somit meine Eltern so lange, bis sie mir das Geld für eine Digitalkamera gaben. Eine Sony mit sagenhaften 2 Megapixeln und Festbrennweite. Die Bildqualität war dementsprechend unterirdisch. Aber so war das eben Anfang der Nullerjahre.

Im weiteren Verlauf wurde ich dann immer wieder von 3p zu Musikvideodrehs eingeladen und habe Making of-Fotos geschossen. Einer meiner ersten Drehs war Azad „Leben“ mit Katja Kuhl in der Nordweststadt. Es folgten weitere: der Nachtdreh zu Glashaus „Was immer es ist“ in den USP-Studios in Offenbach, Azad „A“ im Studio im Osten von Frankfurt, Moses Pelham „Ein schöner Tag“ bei Moses zu Hause, Chima und „Wundervoll“ im Herzen von Frankfurt und viele weitere. Im Laufe der Jahre entstanden so einige Freundschaften durch die gemeinsame Liebe zur Musik von 3p. Zu den meisten hat man auch heute noch hin und wieder Kontakt und teilweise arbeite ich heute für die Menschen „von damals“. Der ehemalige A&R-Manager von Azad ist beispielsweise Chef eines großen Personalvermittlers geworden, die Produzenten von den Nachtwandlern haben damals das erste Cassandra Steen Album produziert und bringen heute erfolgreich Hörbücher in die Onlineshops und wieder andere sind in ihren Dreißigern noch Rechtsanwalt geworden. An dieser Stelle Grüße an alle!

Doch zurück zum roten Faden – die Liebe zur Musik und der Fotografie. Irgendwann in den Nullerjahren kam Moses dann auf mich zu, weil ich Bandfotos für das Projekt „Unter Wortverdacht“ und einen weiteren Künstler mit dem Namen „Agrip Nassim“ für ihn machen sollte. Ich war dementsprechend aufgeregt, weil es mein erster bezahlter Job im Bereich der Fotografie war. Damit war Moses maßgeblich an meiner Entwicklung als Fotograf beteiligt, wenn nicht sogar der lenkende Faktor, warum ich überhaupt Fotograf geworden bin. Es hat sich schlichtweg durch seine Förderung ergeben. Es folgten Cover zu den Compilations der gleichnamigen Radiosendung „Nachtschicht“ auf Planet Radio und insbesondere in der jüngsten Vergangenheit das Beisteuern von Drohnenvideos zu den Musikvideos von Moses Pelham „You Remember“ und „Notaufnahme“.

Allerdings gab es immer ein Manko für mich: Ich habe Moses nie in einem von mir vorgegebenen Setting fotografiert. Alle Fotos, die in all den Jahren für meine Fan-Website entstanden sind, waren dokumentarischen Charakters. Nun habe ich lange überlegt, was dem Ganzen als fotografisches Thema gerecht werden würde und mir ist aufgefallen, dass in seinen Texten immer wieder Bier oder Schnaps vorkommen. Zitat: „Ich brauch mehr Bier und mehr Schnaps als ganze Schulklassen auf Feten und bin trotzdem näher bei Gott als die meisten, wenn sie beten.“ Und so fragte ich die Untergrundpoeten mitten in der Nacht und mir war klar: Ich fotografiere mein Jugendidol ganz simpel und einfach beim Trinken. So auch der Titel der Releaseparty zu seinem Album „Herz“.

Kaum hatte ich den Vorschlag – nach Jahren des Grübelns – Moses unterbreitet, kam prompt die Zusage mit einem Wunsch: Er möchte dabei einen Anzug tragen, weil es mehr Stil hat. Und so begab es sich, dass meine Visagistin Melli und ich Moses in seinem zu Hause in Frankfurt besuchten. Bewaffnet mit Licht, Motivation und den passenden Gläsern und Kaltgetränken, hatten wir einen kurzweiligen, unterhaltsamen und zugleich lehrreichen Abend mit Moses verbracht. Die Fotos entstanden dabei fast wie von selbst, während wir uns über alte Zeiten und das Leben unterhielten.

Und eine Aussage ist dabei ganz besonders bei mir hängengeblieben: Moses sagte, dass er eigentlich eher schüchtern ist, was für Außenstehende so ganz und gar nicht zu dem Kerl mit dem harten Kern aus den Neunzigern passt. Wenn man hingegen seine Texte hört, für die er unter anderem mit der Goetheplakette der Stadt Frankfurt ausgezeichnet wurde, spürt man, dass Musik für ihn nicht Mittel zum Zweck ist, sondern dass die Texte aus dem tiefsten Inneren kommen und eine Form der Therapie darstellen.

Für sich selbst und auch für andere, die aus diesen Worten Kraft schöpfen.

Meine Damen und Herren – Vorhang auf für „Trinken mit Moses Pelham“.

Cheers!

Fotograf: Mario Andreya
Visagistin: Melanie Horn
Postproduction: Mario Andreya